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Wandern in den Calanques: Eine tolle Städtereise nach Marseille.

30 Mai 2012 Von: Uwe 5.622 mal gelesen Keine Lesermeinung
 


Blick vom Bahnhof auf die Stadt MarseilleIn der Nachschau unserer kleinen Reise in die zweitgrösste Stadt Frankreichs, Marseille, erscheint mir das Zitat von Antoine de Saint-Exupéry aus „Der kleine Prinz“ sehr treffend: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Denn keine Stadt, die ich besuchte, verschaffte sich so langsam über die Sinne und das Herz Zugang zu mir. Auf den ersten Blick eher chaotisch, ein wenig abweisend gar, wurde aus den zunächst geplanten vier Tagen in Marseille schliesslich eine ganze Woche.

Marseille bietet mehr als Fussball, Seife und Bouillabaisse. Marseille ist ein Schmelztiegel der mediterranen Kulturen, mit vielen Facetten, die es zu entdecken gilt.

Die Ankunft in Marseille

Stadtansicht MarseilleSobald man am Bahnhof angekommen aus dem TGV steigt, konkurrieren die Farben der Provence mit denen des Mittelmeeres: Marseille begrüsst seine Besucher mit diesem besonderen Licht: Einzigartig gleissend und die gewohnte Wahrnehmung der Farben verändernd.

Es ist eine gute Idee, direkt nach dem Ankommen eine kleine Pause direkt vor dem Bahnhof zu machen und den Blick auf die Stadt zu geniessen. Der Bahnhof liegt etwas erhöht und der Vorplatz bietet ein tolles Panorama in Richtung der „Grand-Mère“ genannten Kirche, die wie eine Patronin über die Bucht von Marseille zu wachen scheint.

Unsere Unterkunft in Marseille

Über die Treppe „Escalier de la Gare St. Charles“ gelangt man schliesslich hinunter zum Boulevard d’Athénes, ein breite Strasse die in weniger als fünf Minuten mitten in das pulsierende Stadzentrum, zur Prachtmeile La Cannebière, führt. Als wir in Marseille eintrafen, wurde vor allem im Zentrumsbereich kräftig gebaut, renoviert und herausgeputzt, denn schliesslich wird Marseille im Jahr 2013 europäische Kulturhauptstadt. Das lässt man sich etwas kosten, circa 600 Millionen Euro fliessen bis Anfang 2013 in die Infrastruktur der Stadt.

Das bedeutet derzeit aber auch: Teilweise sind Zugänge behindert und grade im touristisch beliebten Quartier „Cannébiere“, in dem sich die meisten Hotels, Restaurants und Bars sowie der berühmte alte Hafen befindet, gibt es viel Bau- und Verkehrslärm. Die Promenade rund um den alten Hafen war eine komplette Baustelle – Nichts für uns.

Brunnen am Place CastellaneNur einige Strassen weiter, im Bereich rund um den Place Félix-Baret im Verwaltungsbezirk des 6. Arrondissement finden sich einige relativ gute, preiswerte und durchaus empfehlenswerte Hotels, die nicht von Touristen überfrequentiert werden und noch den eigentümlichen französischen Charme ausstrahlen, der für uns einen Besuch Frankreichs immer wieder ausmacht.

Wir buchten unser Hotel für die ersten Tage wie fast schon immer über www.budgetplaces.com, diesmal entschieden wir uns für das Hotel Montgrand, optimal gelegen zwischen Prefecture und altem Hafen, fast an der wichtigen „Rue Rome“, an der die Busse in Richtung Calanques abfahren und in der die grossen Ketten wie Virgin, H&M u.s.w. ihre Läden unterhalten.

Unser Hotel

Sehr zu unserem Vorteil sind die Seitenstrassen, obwohl sehr zentrumsnah, nachts doch ausgesprochen ruhig.
Das garantiert einen ruhigen Schlaf und erholsame Nachtstunden. Das Hotel Montgrand ist ein kleineres Mittelklasse-Hotel, dass gerne von französischen Geschäftsleuten belegt wird die im Verwaltungs- und Gerichtsviertel zu tun haben.
Die Stimmung ist familiär und das Personal sehr freundlich – lediglich auf einen Lift muss man verzichten. Wer mit kleineren Zimmern und etwas in die Jahre gekommenen Charme leben kann, könnte an diesem Hotel seine Freude haben.

Marseille: Unsere Eindrücke der Stadt

Platz an der Rue longue des capucinsDer stetig wehende Mistral vermengt die Gerüche aus dem algerisch wirkenden Marché des Capucins mit denen des Fischmarktes am alten Hafen und treibt sie durch die Stadt schliesslich hinaus auf das Meer.
Ein Sprachengewirr erfüllt die Strassen, Gassen und Plätze und schneller als man sich versieht, hat man den Kontinent gewechselt.

Alles liegt hier direkt nebeneinander: Die noblen Läden der Shoppingmeilen Le Cannebiere und Rue de Rome liegen nicht einmal einen Steinwurf weit vom arabisch wirkenden „Bazar“ im Viertel rund um die Rue Longue des Capucins.

Wer gern abends unterwegs und kulinarischen Expeditionen gegenüber aufgeschlossen ist, wird sich rund um den Cours Julien herum wohlfühlen. Innerhalb weniger hundert Meter kann man dort nicht nur eine Weltreise der Gaumengenüsse antreten, sondern auch in diversen Kneipen und Konzertlokalen die Nächte durchfeiern. Tagsüber ist der Platz übrigens ein beliebter Treffpunkt mit gemütlichen Biergärten und einigen tollen Läden, in denen man Kleider und Vintage-Artikel erwerben kann.

Seife aus der Savonnerie Marseillaise de la LicorneDen Cours Julien hinunter in Richtung Stadtzentrum folgend landet man wieder im arabisch-afrikanischen Viertel, unterwegs kann man noch quasi im Vorbeigang die älteste Seifenmanufaktur von Marseille besichtigen, die Savonnerie Marseillaise de la Licorne, in der die berühmte Seife aus Marseille seit über hundert Jahren nach alten Rezepten gefertigt wird. Die Besichtigungen finden mehrmals am Tag statt und sind kostenlos.

Pointe Rouge: Eldorado für Surfer in MarseilleUnd in Richtung Süd-Osten hin schliesslich ziehen sich die Strände, die auf Surfer, Kiter und Segler eine geradezu magische Anziehungskraft ausüben: Der stetig wehende Mistral und die sehr gute Infrastruktur mit Häfen, Bars und künstlich angelegten Sandstränden bieten optimale Voraussetzungen für das Hobby.

Nach und nach werden die Stadtteile dann ländlicher, bis schliesslich hinter Montredon die Stadt gänzlich aufhört und einer Landschaft Platz macht, die ihresgleichen sucht. Dort beginnt der Wanderweg „GR 98“, rot-weiss markiert, direkt hinter der Busendstelle der Linie 19 von Place de Castellane nach „La Madrague“. Hier beginnt das zweite Gesicht von Marseille, die wunderbare Welt der Calanques…

Mein Tipp: Entdecken Sie die Stadt Marseille auf eigene Faust.
Im Restaurant von La belle de MaiBesuchen Sie den alten Hafen, durchstreifen Sie das Panier-Viertel und suchen Sie den kleinen Stadtstrand „Anse de Catalan“.

Sehr empfehlenswert ist auch ein Abstecher in die Gefilde der Alternativ- und Kreativkultur: Auf dem Gelände der alten Gaulioses-Fabrik ist in den letzten 20 Jahren aus einer Zwischennutzung heraus ein bekanntes und etabliertes Kulturzentrum entstanden: La belle de Mai.

Solange Sie im Zentrumsbereich bleiben, ist Marseille sicher nicht gefährlicher als jede andere Stadt der Welt – das negative Image stimmt hier schon lange nicht mehr. Abstand halten sollten Sie bei Ihren Entdeckungstouren allerdings von den Hochhaussiedlungen im Norden der Stadt. Dort regieren noch Banden und „reiche“ Touristen sollten diese Gegend meiden.

Das andere Marseille: Wandern durch die Calanques

Am 18.April 2012 wurden die Calanques zwischen Marseille und Cassis zum Parc National des Calanques erklärt.
Das Warum wird absolut nachvollziehbar, sobald man die Stadt Marseille hinter sich gelassen und mit dem Wanderweg begonnen hat. Eine Durchwanderung der Calanques ist wahrscheinlich eine der schönsten Wanderungen in Stadtnähe, die man in Frankreich machen kann und für jeden Landschaftsbegeisterten ein absolutes Highlight!

Die Calanques sind teilweise bis zu 1,5 Kilometer weit tief in den Fels hinein geschnittene Buchten, die sich wie Finger aneinander reihen und während ihres Entstehungsprozesses eine wahrlich spektakuläre Landschaft geformt haben.

Die Wanderung führt entlang dem rot-weiss markierten Wanderweg GR98 und dauert insgesamt ungefähr 11 Stunden. Dabei legt man nicht nur gut 35 Kilometer zurück, sondern hat am Ende auch den einen oder anderen Höhenmeter in den Waden: 1600 sind es, wenn man der leicht bis mittelschwer zu bewältigenden und sehr gut markierten Hauptroute folgt.

Immer wieder laden aber grün, gelb oder blau markierte Varianten ein, einen Abstecher über eine Klippe oder ein Tal hinunter ans Meer zu machen, was dann aber die zurückgelegte Distanz und das Höhenprofil durchaus verändert. Aber keine Bange: Man muss die Tour nicht an einem Tag machen und je nach individueller Kondition kann man sich ja auch mal die eine oder andere Variante für das nächste Mal aufheben.

Wichtige Infos zur Durchwanderung der Calanques

Beachten Sie, dass man bei dieser Wanderung doch einige Zeit in der freien Natur ist und das dass durchwandern der Calanques einige Besonderheiten hat.

Sie sollten daher zumindest über die folgende Ausrüstung verfügen, bevor Sie sich auf den Weg machen:

  • Wanderkarte: Marseille 1 : 25 000: Les Calanques
  • Wanderkarte: 3245ET – Aubagne, La Ciotat Wanderkarte 1:25000
  • Gute Treckingschuhe, besser Wanderschuhe, mit rutschfester Sohle (gutes Profil)
  • Pro Person mindestens 1,5 Liter Trinkwasser, besser mehr.
  • Sonnenschutz mit hohem Lichtschutzfaktor, Sonnenbrille, Kappe
  • Kleines Erste Hilfe Set
  • Ein kleines Picknick und ein paar Energieriegel für zwischendurch.
  • Eine leichte Regenjacke, die auch als Windschutz taugt.

Dermassen ausgerüstet empfehle ich Ihnen sich von Marseille aus in Richtung Cassis zu bewegen. Denn die Durchwanderung der Calanques entspricht nicht der durchschnittlichen Wanderung in schönen Gebieten: Während es bei den meisten Wanderungen einen Punkt oder eine Strecke gibt, die später als besonders schön in Erinnerung bleibt, steigern sich die landschaftlichen Eindrücke der Calanques stetig bis zum fulminanten Schluss an den Calanques d’en Vau und Port Pin bei Cassis.

In Richtung Cassis behält man sich die spektakulärsten Teile der Wanderung also zum Schluss.
Falaises de Soubeyrannes, Wanderweg  zwischen Cassis und La CiotatIch würde nur dann von Cassis aus starten, wenn ich nur einen Teil der Calanques durchlaufen wollte. Das stand aber nicht zur Debatte. Im Gegenteil, wir konnten uns zum Ende das „Suplement“ – eine Überquerung der Falaises de Soubeyrannes zwischen Cassis und La Ciotat – nicht nehmen lassen. 4 Stunden Wanderung über die rote Klippe die aus bis zu 300 Meter Höhe senkrecht ins Meer stürzt, immer am Rand entlang… Toll.

Die beste Jahreszeit für eine Durchwanderung der Calanques ist neben dem Frühling von etwa Mitte März bis Mitte Juni der Herbst von Mitte September bis Ende Oktober. Im Sommer wird es sehr heiss und wegen der hohen Waldbrandgefahr wird der Zugang in die Calanques häufig gesperrt. An den Startpunkten der Wanderwege wird mit Hilfe eines Farbcodes über die aktuellen Zugangsbeschränkungen informiert, wobei gilt:

  • Orange: Zugang für die Wanderwege freigegeben.
  • Rot: Zugang nur zwischen 06:00 und 11:00 Uhr am Vormittag erlaubt.
  • Schwarz: Zutritt komplett verboten.

Auskunft über die aktuelle Zutrittsregelung erhält man über die Telefonnummer 0811 20 13 13 oder durch ein Smartphone App mit dem Namen myProvence Envie de balade.

Routenvorschlag für die Calanques.

Starten Sie ab der Endhaltestelle des Busses Linie 19 in La Madrague“ und laufen Sie entlang der rot-weissen Markierungen bis zum Örtchen Callelongue. Bar in der Calanque de MaresilleveyreDort geht es an Ende der ersten Calanque links wieder den Hügel hinauf und in gut 40 Minuten zur Calanque de Marseilleveyre, in der Sie sich in einer kleinen Bar verköstigen können.Sehr gemütlich und romantisch gelegen, sollte man der Versuchung aber widerstehen, denn es folgt noch eine kleine Etappe hinauf – bis zum Ausstieg oberhalb der Calanque de Morgiou brauchen Sie je nach Variantenfreudigkeit noch bis zu vier Stunden.

Oberhalb der Calanque de MorgiouVon der Wanderwegskreuzung oberhalb (!) der Calanque de Morgiou, in deren Tal sich übrigens eine Bar, aber kein öffentlicher Verkehr, befindet, kommen Sie bequem innerhalb von gut 40 Minuten zur Bushaltestelle der Linie 21 im Universitätsgelände. Der Bus bringt Sie dann innerhalb von gut 45 Minuten wieder zurück an den alten Hafen, mitten in die Stadt.

Nach einer Übernachtung im Hotel fahren Sie am nächsten Morgen wieder zurück zur Endstelle der Linie 21.
Wandern in den Calanques von MarseilleInnerhalb kurzer Zeit sind Sie wieder an dem Punkt, an dem Sie am Vortag aufgehört haben. Die spaktakuläre Wanderung geht weiter, Sie haben nun noch gut 5-6 Stunden vor den Füssen. Einige Aufstiege und schöne Aussichten, wie die hier gezeigte, wechseln sich ab. Man wird des Schauens und Staunens nicht müde.
Der Wanderweg schlängelt sich kühn an Felsspitzen vorbei, man überquert Grate und durchwandert würzig duftende Täler, immer wieder garniert mit Aussichten, die man nicht erwartet hätte. Auch „Nicht-Wanderer“ kommen hier auf den Geschmack!

Calanque bei CassisZum Abschluss, wenn man meint es kann nicht mehr besser werden, kommen mit den beiden Calanques „en Vau“ und „Port Pin“ zwei echte Hingucker. Man kann es gar nicht glauben, so schön!
Mein Tipp: Auch wenn Sie auf Varianten verzichtet haben und immer strikt dem Hauptweg gefolgt sind, sollten Sie unbedingt den Schlenker in Richtung „Bellavista“ machen. Der Wegweiser ist auf der Kuppe vor der Calanque en Vau auf dem kurzen Stück Asphalt aufgemalt und nicht zu verpassen. Der Umweg dauert hin und zurück gut 40 Minuten, aber lohnt sich wirklich! Bellavista ist nicht übertrieben!

Die Calanque de Port Pin bei CassisEine gute Stunde später kommen Sie dann an der Calanque de Port Pin an, der letzten „wilden“ Calanque vor Cassis. Hier können Sie Ihre Füsse kühlen und ein Bad nehmen, bevor Sie die letzten 40 Minuten bis zum Hafen von Cassis unter die Füsse nehmen, wo dann der wohlverdiente Pastis auf Sie wartet.

Von Cassis aus nach Marseille zurück kommen Sie bequem mit dem Zug, der jede Stunde direkt zum Bahnhof St. Charles fährt und für diese Strecke gut 20 Minuten benötigt. Der Bahnhof in Cassis liegt weit ausserhalb, der Zubringerbus fährt von der Haltestelle „Casino“ aus jeweils passend auf die Ankunftszeit des Zuges zum Bahnhof.

Und wenn Sie, so wie wir, nicht genug bekommen haben, wird ihnen sicherlich der grosse rote Felsen zwischen Cassis und La Ciotat aufgefallen sein, den man in gut 4 Stunden überqueren kann und der ein perfektes Digestif für richtig gelungene Wanderferien in der Stadt darstellt.

Anreise

Wir reisen, wenn möglich, mit dem Zug. Marseille ist perfekt an das TGV-Netz der SNCF angeschlossen und von Paris oder Genf aus in wenigen Stunden erreichbar.

Der Flughafen von Marseille ist der Flughafen „Marseille-Provence“, der von München, Frankfurt oder Düsseldorf aus direkt in ca. 1,5 Stunden angeflogen wird.

Das öffentliche Verkehrsnetz in Marseille ist perfekt organisiert und lässt keine Wünsche übrig, die Fahrpreise sind moderat.

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